Lebenserfahrungen – eine Last (?)

Dieser Titel hört sich provokant an, doch denken wir mal für einen Moment darüber nach. Versuchen wir uns bewusst zu machen, welchen Einfluss Lebenserfahrungen auf unser Denken und Handeln haben und was wichtig ist im Umgang mit diesen Lebenserfahrungen.

A.R.T. Leadership - Lebenserfahrung eine Last

NEUGIER LÄSST EIN KIND DIE WELT ENTDECKEN

Stellen wir uns doch mal ein kleines Kind vor, dass neugierig die Welt entdeckt. Diese kindliche Neugier ist nicht etwas, was man uns im Laufe unseres Lebens aberzogen hat, wie man gelegendlich den Eindruck bekommen mag, NEIN, der Erfahrungsspeicher dieses kleinen Kindes ist einfach noch fast leer und bereit alles aufzunehmen und in sich aufzusaugen.

EXPERIMENT HERDPLATTE

Die Neugier ist es, welche das Kind Erfahrungen sammeln lässt. „Wie heiß ist eine heiße Herdplatte?“ fragt sich das Kind, ohne dem Wort „heiß“ eine Bedeutung geben zu können, und gibt sich womöglich mit der – noch – abstrakten Antwort der Mutter „Sehr heiß!“ nicht zufrieden. Mutters ermahnende Zusatz „Sei vorsichtig!“, stachelt die Neugier des Kindes erst recht an. Sehr kreativ wird es das „Sicherungssystem Mutter“ umgehen, für dieses eine Experiment.

Die darauf folgende „Erfahrung“ lässt sogar das „Überlebenssystem“ des Kindes aufhorchen und sie wird dort hoch priorisiert im noch jungen Erfahrungsspeicher abgelegt. Die Neugier des Kindes bezüglich „heißer Herdplatten“ ist nachhaltig gestillt. Zur Konditionierung eines Reaktionsmusters sind, in diesem Fall, auch selten Wiederholungen nötig.

DAS UNTERBEWUSSTSEIN ÜBERNIMMT

Langsam füllt sich dieser Erfahrungsspeicher, es werden neue Reaktions- und Bewegungsmuster unter Einbeziehung gemachter Erfahrungen konditioniert. Durch häufiges Wiederholen wird das Unterbewusstsein trainiert und immer mehr Dinge werden unbewusst ausgeführt. Der Körper „lernt“ beispielsweise, sich auf einem Fahrrad ausbalanciert fortzubewegen. ohne dass man über jeden einzelnen Bewegungsschritt nachdenken muss. Wie sah das noch ungelenkig aus, als wir dies noch nötig haten. Wie oft durften wir dabei weitere, mitunter schmerzhafte Erfahrungen sammeln.

Mit allem was wir konditioniert haben, beschäftigen wir uns nicht mehr besonders. Unsere bewusste Neugier lässt mit jeder neuen, wiederholten Erfahrung nach. Die Dinge werden reflektorisch, automatisch erledigt, ob wir ein Auto fahren, uns mit Kollegen unterhalten oder an einer Felswand klettern. Dort wo ein entsprechendes Reaktions- oder Bewegungsmuster vorhanden ist, suchen wir kaum noch kreativ nach alternativen Möglichkeiten.

DAS GEHIRN HANDELT ENERGIEEFFIZIENT UND LIEBT DIE ROUTINE – WIR LIEBEN DIE ROUTINE!

Doch, „wenn es eine klare und attraktive Hauptroute in eine Richtung gibt, blockiert uns das, andere, unbekannte Wege zu gehen. Wir gehen die gewohnte Strecke und erforschen weder Nischen noch das, was abseits liegt.“ merkt Edward de Bono in seinem Buch „Think!“ an.

Soll nun plötzlich etwas anderes gemacht werden als üblich, dann wird nicht mit Neugier und Kreativität darauf reagiert, sondern das Gehirn gibt eine Fehlermeldung ab. „Es fühlt sich praktisch überfallen und kontert mit Angst, Zweifel oder Ärger. Auf Fehlermeldungen ihres Gehirns reagieren die meisten Menschen sehr emotional und impulsiv.“, sagt Prof. Dr. Christian E. Elger in seinem Buch „Neuroleadership“. Die Folge einer solchen Fehlermeldung ist deshalb nicht zwingend einsichtiges und vernünftiges Handeln.

Das primäre Ziel des Lebens ist überleben und unter dem Primat des Überlebens wird auch jede neue Erfahrung bewertet. Dies hat zur Folge, dass negative Erfahrungen weit größere Bedeutung haben als positive Erfahrungen. Negative Erfahrungen „trainieren“ das „Überlebenssystem“. Die Kenntnis um die heiße Herdplatte ist – überlebenstechnisch – spannender, als ein wohltuender Aufenthalt in einem Wellness-Tempel.

ERFAHRUNGEN MACHEN UNS VORSICHTIGER

Wir sammeln also im Laufe der Zeit immer mehr Erfahrungen. Diese Erfahrungen bestimmen unser Handeln. Gerade weil viele negative Erfahrungen dabei sind werden wir „vorsichtiger“, gehen an neue Dinge mit manchem Zweifel heran. Wir sind auch nicht mehr so einfach bereit neue, kreative Wege zu gehen, denn für die meisten Fälle haben sich die Routinen (Muster) bewährt. Wie gesagt, das Gehirn liebt Routine!

Dennoch sind Erfahrungen etwas Wichtiges. Bei ihnen „handelt es sich um die wertvollste Form des Wissens, denn sie nutzen nicht nur eine Form des Gedächtnisses, wie es beim Faktenwissen der Fall ist, sondern Erfahrungen kombinieren die verschiedenen Gedächtnissysteme miteinander“ (Prof.Dr.Christian Elger). Erfahrungen sind sogar in der Lage eindeutige körperliche Unterlegenheit zu kompensieren.

Die häufig anzutreffende Entscheidung von Personalverantwortlichen in Unternehmen gegen die Einstellung von älteren Arbeitnehmern kann deshalb nur als ein großer Irrtum zu Lasten der Unternehmensperformance gesehen werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen

Wie alles haben auch die Erfahrungen zwei Seiten. Einerseits sind sie die wertvollste Form des Wissens, die es uns möglich macht durch Verknüpfungen auch mit schwierigen Situationen effektiver zurecht zu kommen, als dies mit reinem Faktenwissen möglich wäre. Andererseits aber lassen sie uns so manches Mal zweifeln, können zur Last werden für unser zukünftiges Handeln, sie reduzieren unsere Neugier und Kreativität.

Trainiere deine Erfahrungen

„Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ (nach Goethe)

Wichtig ist es, auch Erfahrungen zu „trainieren“, indem man sie sich immer mal wieder auf die Ebene des Bewusstseins holt, indem man Routinen durchbricht, die Dinge mal ganz anders macht. Erledigen Sie beispielsweise Handlungen, die sie für gewöhnlich mit der rechten Hand machen einmal ganz bewusst mit der linken Hand et vice versa. Sie werden damit für neue Verschaltungen in ihrem Gehirn sorgen und manches andere wird ihnen danach leichter fallen.

 

Autor: Richard Vizethum
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